Pressestimmen

Im Zweivierteltakt nach Böhmen

Das Quartett des Hohner-Konservatoriums trat in Herrenberg in dieser Besetzung erstmals öffentlich auf. GB-Foto: Vecsey

Akkordeonmusik vom Feinsten – nichts weniger als dies erwarteten die Tastenkunst-Freunde im Studio der Herrenberger Musikschule. Sie sollten nicht enttäuscht werden. Oleksiy Baturin – Gastschüler aus der Ukraine – sorgte gleich zu Beginn für ungläubiges Staunen. Seine Finger hatte der junge Mann zuvor offenbar gut geölt. Wie der Blitz flog er über die Tasten seines Instruments, atemlos, sich kaum eine Pause gönnend. Bachs Invention D-Dur und Dyniks „Rumänischer Frühlingstanz“ rauschten wie D-Züge am Ohr vorüber und auch Bakanews „Karussell“ drosselte sein Tempo nur kurz, um dann Anlauf zu nehmen für einen noch halsbrecherischeren, noch wilderen Geschwindigkeitsrausch.

Etwas gemächlicher ging es da beim Trio „Elan“ zu: Ella Endler (Blockflöte), Anita Deier (Violine) und Leonie Todaro (Akkordeon) bereiten sich momentan auf den „Jugend musiziert“-Landeswettbewerb vor und präsentierten dem Publikum einen Teil ihres Programms. Ausdrucksstark gestalteten sie das Largo und Allegro aus Sammartinis Sonata IV, ließen sich dabei auch gegenseitig genügend Raum. Ganz wunderbar eignet sich diese Besetzung im Übrigen für den Tango Nuevo Astor Piazzollas: Beim Bardo harmoniert die kecke, flinke Flöte aufs Schönste mit dem geschmeidigen Strich der Geige und den scharf angerissenen Rhythmen des Akkordeons.

Auch Greta Fritze hatte – eingeleitet von Carl Philipp Emanuel Bachs Fantasia – einen Piazzolla im Gepäck. Und zwar einen der bekanntesten: „Adios Nonino“. Fritze macht das Stück trotz kleiner Startschwierigkeiten zu ihrem eigenen, arbeitet die darin lauernde Dringlichkeit schön heraus, lässt die Einzelbass-Parts glänzen. Nicht zuletzt reüssiert auch Corina Darda mit einem Tango Nuevo aus der Feder des Meisters – „Tanti anni prima“ –, doch fast noch besser gelingt ihr Bachs Präludium I, BWV 846. In einer heiligen Ruhe fließen ihr die Arpeggien aus den Händen und das Publikum lässt sich anstecken von dieser verlockenden Gelassenheit.

Eine schöne Überleitung für die vier Studierenden des Hohner-Konservatoriums, die nun im Scheinwerferlicht stehen: Jessica Winterholler, Simon Lauenstein, Nils Aebersold und Karla Gvozden – junge Akkordeonisten aus der Solistenklasse von Andreas Nebl, ausgenommen Simon Lauenstein, der im fünften Semester ist. Das Quartett beschenkt sein Publikum mit drei Sätzen aus dem letzten Streichquartett Antonin Dvoráks, opus 106.

Kaum zu widerstehen ist der in Musik gegossenen Euphorie im ersten Satz, Allegro moderato. Dvoráks Leidenschaft, seine Freude über die Rückkehr in die tschechische Heimat nach dem Aufenthalt in den USA springt sofort über auf die Zuhörerschaft: Im Zweivierteltakt entführt das Quartett in böhmische Landschaften. Ruhiger, fast pastoral wird es im zweiten Satz. Hier beginnt die Stimme der Natur durch die Instrumente zu sprechen. Hier und da hört man Vogelgesänge, wird wie auf Schwingen getragen vom romantisch-süßen Hauptthema hinauf bis in ätherische Höhen. Ein ganz in sich gekehrtes, im Sonnenlicht glitzerndes Idyll malt das Quartett hier, eine Einladung zum Verweilen und Genießen. Gerne wäre man an diesem Ort noch geblieben, da setzt auch schon das Molto vivace ein. Ein tänzerischer Satz, der sofort mitreißt. Man schwelgt in slawischen Volksmusik-Traditionen und hin und wieder wirft man sich die Töne spielerisch wie Bälle zu. Den Geschichten, die diese vier Musiker erzählen – man hört ihnen gerne zu. Sie spielen akkurat und akademisch, wenn es darauf ankommt, wissen aber durchaus auch, wann es an der Zeit ist, sich kleine Freiräume zu nehmen, um dem Notenmaterial die angemessene Tiefenwirkung zu verleihen.

Die Studierenden des Hohner-Konservatoriums gastierten erstmals in der Herrenberger Musikschule. Sie musizieren seit eineinhalb Jahren als Quartett, eine Person wurde im Sommer vergangenen Jahres neu besetzt. Der Auftritt im Studio der Musikschule sollte der erste in der neuen Zusammensetzung sein – eine Premiere also. Bekannt war in Herrenberg bislang nur Dozent Andreas Nebl. Der weit gereiste Akkordeon-Profi unterrichtet nicht nur die vier Musiker des Quartetts: Auch die Herrenberger Musikschul-Dozentin Waltraud Epple-Holom, die die jungen Musiker aus dem ersten Teil des Konzerts unterrichtet, professionalisierte ihr Akkordeonspiel als Solistin bei Nebl.

Gäubote, 14.03.2023
Nadine Dürr

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